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Holzmanufaktur Rottweil: Wo Leidenschaft Zukunft schafft

Geschichte einer Sanierung

In den Jahren 1997–2001 haben meine Frau und ich ein Stadthaus in der Hochturmgasse in Rottweil, das dem großen Stadtbrand des Jahres 1696 zum Opfer gefallen war und 1705/1706 wiederaufgebaut wurde, gekauft und restauriert. Dieses Stadthaus hat als eines der wenigen in Rottweil einen großen Garten, der sich von der Hochturmgasse bis zur alten Rottweiler Stadtmauer hinzieht.

Direkt unterhalb der Stadtmauer liegt das Gebäude Flöttlinstorstraße 13. Das laut dem Rottweiler Archiv erste außerhalb der alten Stadtbefestigung gebaute Haus war schon zum Zeitpunkt der Sanierung unseres Wohnhauses in der Hochturmgasse in einem ausgesprochen ruinösen Zustand. Eigentümer war die Stadt Rottweil und bewohnt wurde das Haus von einer randständigen Familie. 

In den folgenden zehn Jahren verschlechterte sich der Zustand des Hauses immer mehr, woraufhin die Familie auszog. Abgesehen vom Gewölbekeller, dem kompletten Fachwerkgerüst und der Dacheindeckung waren alle relevanten Ausstattungen wie Fenster, Böden, Putze und Treppen einer Billigsanierung der 1960er-Jahre zuzuordnen und wiesen allesamt einen sehr fragwürdigen Zustand auf. 

Störend im Grünstreifen um Rottweil wurde es relativ schnell zu einem Kandidaten für einen baldigen Abriss. Durch Intervention einiger an der Stadt-, Bau- und Kulturgeschichte interessierter Rottweiler Bürger bot die Stadt das Haus letztendlich zum Verkauf an. Trotz des niedrig angesetzten Verkaufspreises war das Interesse gering, da selbst ein Laie erkennen konnte, dass ein Neubau in dieser Kubatur zum halben Preis der Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudes möglich gewesen wäre. 

Mein Ansatz als Denkmalpfleger und Bauhistoriker bei Sanierungen und Restaurierungen von Wohn- und Nichtwohngebäuden ist angelehnt an die restaurierungsethischen Kodizes. Diese sind formuliert in der Charta von Venedig und der Charta von Burra: Maßnahmen auf das Notwendigste beschränken, reparieren statt erneuern, Eingriffe möglichst reversibel gestalten und die Maßnahmen so umfänglich wie nötig dokumentieren.

Es war mir ein Anliegen, dieses Gebäude vor dem Abriss zu bewahren und denkmalgerecht zu sanieren. Bis auf den Dachstuhl, den gemauerten Keller und über die Hälfte des hölzernen Hausgerüstes musste die komplette Bausubstanz einschließlich der im Wesentlichen bei einer Sanierung der 1960er-Jahre erneuerten Ausstattung komplett zurückgebaut und entsorgt werden. Für einen Bauherren, der ein überzeugter Vertreter von Umbauen und Weiterbauen ist, war dies sehr schmerzhaft. In diesem Falle war die Dokumentation eher eine Abrissdokumentation. Weiterverbaut wurden schlussendlich lediglich die nicht durchfaulten Balken sowie ca. 80 % der allerdings auch noch aus der Umbauzeit von 1960 stammenden Biberschwänze. Der Rest wurde nicht rekonstruierend erneuert und es wurden keine Sprossenfenster oder gestalterisch historisch an die Bauzeit des frühen 19. Jahrhunderts angepassten Ausstattungen eingebaut. Die Kubatur und die vorhandene Grundrissplanung wurden mit den entsprechend notwendigen Anpassungen an das neue Nutzungskonzept weitestgehend übernommen.

 

Behutsame Weiterentwicklung

Realisiert wurde ein mit einem Boardinghouse vergleichbares
Gebäude, bestehend aus zwei Erdgeschoss-Apartments und zwei Maisonette-Wohnungen mit einem sehr hohen Qualitätsanspruch an Ausstattung und Energieeffizienz. Einem für die neue Nutzung notwendigen Balkon- und Loggia-Anbau in Stahl und Glas und weiteren kleineren Veränderungen – flächenbündig eingebaute Dachfensteröffnungen oder der Einbau von Fluchttüren giebelseitig im Dachgeschoss – wurde nach Vorlage einiger Modelle und vielen Detailzeichnungen von Denkmalpflege und Stadtbildkommission zugestimmt. 

Tradition ist nicht das Weitergeben von Asche oder maroder Bausubstanz, sondern das Weiterbauen mit dem Bestand und die Weitergabe von Leidenschaften und Flammen. Nur im Wandel liegt die Kontinuität. Das bedeutet auch für das Baudenkmal, so bauen zu dürfen, dass Bauherren, Architekten und Nutzer sich für das Ergebnis begeistern und ihre Begeisterung weitergeben. Der bei der Sanierung gewählte architektonisch und gestalterisch moderne und hochwertige Ansatz wurde auch bei der Gestaltung des Außenbereiches mit materialsichtigem Beton und Cortenstahl weitergeführt. Keine Sprossenfenster, Fensterläden oder handgestrichenen Biberschwanzziegel, sondern eine stringente Modernität in historischer Kubatur prägen das Gebäude. Im Ergebnis gibt es heute vier attraktive Wohlfühlwohnungen und Apartments, teilweise auch gut geeignet für eine temporäre Nutzung. Vor allen Dingen aber stellt dieses Gebäude eine herzliche Begrüßung mit freundlichem Lächeln und somit einen Hingucker an einem der Eingangstore zur historischen Rottweiler Altstadt dar.

Text + Fotos: Hermann Klos, Holzmanufaktur Rottweil GmbH

Holzmanufaktur Rottweil GmbH
Neckartal 161
D-78628 Rottweil